Marokko. So viele Orte so viele Gesichter

Marrakesch: eine Bühne. Rabat: ein Schaufenster. Fes: ein Archiv. Casablanca: das Getriebe. Und der Süden? Ein Echo.

Der Reisebericht ist erschienen in Die Presse vom 23. 8. 2025, S. R 5 und in OÖ Nachrichten vom 23. 8. 2025, Reise S. 5

Lange bevor wir marokkanischen Boden betreten, füllen Bilder und Geschichten unsere Köpfe. Filme, Werbung, Marketingkonzepte haben ein Märchenland entworfen, Sehnsüchte geweckt, allerhand Gelüste befördert. Wir haben Klänge in den Ohren, Düfte in der Nase, Farben und Formen in den Augen, die Sinne sind berauscht. Solch hohe Erwartungshaltungen – können sie vor Ort erfüllt werden?

In der Wirtschaftsmetropole Casablanca stehen wir andächtig in der Moschee Hassan II., bewundern Marmor und Mosaik, die Türen aus Titan, die Wandverkleidungen aus Tadelakt. Staunend schauen wir uns das alles an; und am Ende spötteln wir respektlos über Protz und Prunk von Prestigebauten, die einem Herrscher Unsterblichkeit sichern sollen, und bedauern das Volk, das die ganze Pracht bezahlt hat.

Anschließend verzichten wir auf den Besuch in Rick’s Café, denn Humphrey Bogart und Ingrid Bergmann waren auch nicht dort; auf solche Fakes aus großem Kino fallen wir nicht herein. Das Restaurant für die Schicki-Szene der Stadt besteht erst seit zwanzig Jahren und hat nur den Namen dem Film entlehnt, der im Übrigen in Hollywood gedreht wurde – und den kaum jemand in Marokko kennt.

In Rabat können wir uns davon überzeugen, dass König und Regierung keine Kosten und Mühen scheuen, das Projekt „grüne Hauptstadt“ effektvoll in Szene zu setzen. Wie ein riesiger Betonfrosch liegt das Theater von Zaha Hadid im Tal des Bou Regreg. Und der Multifunktionswolkenkratzer Burj Mohammed VI. strebt himmelwärts gleich einer Rakete auf der Abschussrampe. Unwillkürlich erinnert er an Dubai und Doha, kann natürlich nicht wirklich mithalten. Doch was Begrünung und Kampf gegen innerstädtische Erhitzung anlangt, ist Marokko den wesentlich reicheren Monarchien am persisch-arabischen Golf derzeit um ein paar Schritte voraus. Deswegen sind viele Marokkaner gerade ziemlich stolz auf ihr Land, auf die Blüten der Stadtentwicklung und die Smart-City-Konzepte. Nicht nur der König, sogar die Regierung wird gelobt, das hat es eigentlich früher nie gegeben.

Schön zum Anschauen ist das allemal. Vom Cafe Maure in der Kasba Oudaya aus haben wir zu Pfefferminztee und Mandelgebäck einen wunderbaren Ausblick auf den Atlantik und hinüber zur Schwesterstadt Salé. Mit Designer-Marina, Luxus-Appartements und Freizeit-Fazilitäten für Wohlhabende wurde das bisher brachliegende Flusstal nicht nur behübscht, sondern ökonomisch in Wert gesetzt. All das ist Teil einer politischen Inszenierung, fokussiert auf die Außenwirkung. Was man sieht, ist gewollt, was man nicht sieht, erst recht. Doch das Ziel wird erreicht – man ist beeindruckt, manche wider Willen beeindruckt.

Über all der spektakulären Moderne vergessen wir fast, dass wir eigentlich gekommen sind, um die Bauwerke vergangener Jahrhunderte zu sehen, den Hassan-Turm, die Chella mit den römischen Ruinen und der Merinidennekropole …  All das ist noch da, frisch restauriert, nur ein bisschen ins Abseits gedrängt. Die neue Mitte liegt am Wasser.

In Fes dann tauchen wir voller Überzeugung ins 9. und ins 14. Jahrhundert ein. Wir lassen uns durch enge Gassen treiben, streifen Mauern, die schon vor ewigen Zeiten schief standen, atmen Gerüche, die man nicht sofort zuordnen kann. Die Altstadt Fes el-bali gibt sich widerspenstig, erklärt sich nicht von selbst. Sie hat kein Showroom-Interesse. Hier wird nicht repräsentiert, hier wird gelebt – mit Eseln, die Lasten tragen, mit kleinen Werkstätten, in denen Hammerschläge auf Metallplatten fallen, mit Kojen, in denen Tischler aus Zedernholz Särge zimmern, mit fensterlosen Räumen, die zur Straße hin offen sind, sodass man Kesselflickern, Messerschleifern und Kammmachern bei der Arbeit zusehen kann. Es ist für uns eine fremde Welt – aber wenn wir nachdenken, sind wir der Fremdkörper.

Am Ende des Tages ist klar, dass die Stadt, so aus der Zeit gefallen sie auf den ersten Blick scheinen mag, längst im 21. Jahrhundert angekommen ist – mit all seinen Lebenserleichterungen und Annehmlichkeiten wie Feuerbekämpfungsnetzwerken, Abwasserentsorgung, Sozialversicherung für alle, Satellitenschüsseln auf jedem Dach und all den Ideen, die über ebendiese importiert werden. Die Globalisierung ist bis in die kleinste Küche eingedrungen. Und die mittelalterliche Anmutung, die Besucher verzaubert, ist für die Bewohner eigentlich eine Zumutung. Sie konserviert ein Bild, das niemand mehr leben will, und von dem doch viele leben müssen.

Früh am nächsten Morgen ist Aufbruch, über zwei Atlasgebirge geht es in den Süden. Im Schigebiet Michliffen suchen wir die Makaken, die dort in den Zedernwäldern leben. Aber wir sind nicht die Ersten, die ihnen einen Besuch abstatten wollen. Das brachte die Nomaden der Gegend auf die Idee, ihre Einnahmequellen zu diversifizieren, und nun halten sie auf einer Lichtung zwischen Bäumen Nüsse feil, offenbar die Lieblingsspeise der ansässigen Affenpopulation. Wir jedoch wollen sie, wie es sich für Tierverständige gehört, nicht füttern, nur beobachten. Vergeblich bemühen sich ein paar Halbwüchsige, uns Fressen für die Tiere zu verkaufen. Dann will einer wissen, ob wir auf Tiktok seien. Als wir das auch noch verneinen, dreht er sich um und geht grußlos davon. Von dieser Reisegruppe ist er endgültig enttäuscht. Inzwischen hätten uns die frechen Meerkatzenverwandten beinahe ein Handy geklaut. Wollten sie sich rächen, weil wir ihnen eine Leckerei verweigerten? Nein, im Wald von Michliffen haben wir keinen guten Auftritt!

In den Oasenlandschaften des Tafilalt, in Tinghir, im Dades- und im Draa-Tal erkunden wir die alten Lehmbauten und staunen, wie viele Typen dieser Architektur es gibt. Es macht traurig, dass die Dattelpalmen wegen der seit Jahren andauernden Trockenheit in einem beklagenswert dürren Zustand sind. Viele tragen heute nicht mehr; das zwingt die Bewohner in die Arbeitsemigration, manche weichen auf den informellen Sektor im Tourismus aus. So findet sich ein junger Mann, der für uns für die Fotos und für einige Dirham auf eine Palme klettert.

Durch dünn besiedelte Gebiete fahren wir, durchqueren wüstenhafte, akazienbestandene Landschaften, die bisweilen mystisch wirken, dann wieder wie aus einem futuristischen Videospiel. Als wir einige Tage zuvor im Norden den Leuten erzählten, dass wir nach Foum Zguid fahren wollen, schlugen sie die Hände über den Köpfen zusammen und fragten entgeistert, was wir dort suchen. So genau wussten wir das nicht. Aber wir finden ein Marokko fast wie vor vierzig Jahren, wir finden Unterentwicklung, die wir allerdings nicht als Ursprünglichkeit missverstehen. Der Süden ist landschaftlich idyllisch, Wüsten, Sanddünen und Oasengärten wie aus dem Werbeprospekt. Aber er ist politisch vernachlässigt und ökonomisch abgehängt. Besucher sind begeistert, Bewohner wandern ab.

Nach einer letzten langen Tagesetappe gelangen wir schließlich nach Marrakesch. Was für ein Kulturschock! Eine Woche lang haben wir die Stille und Beschaulichkeit des Südens verinnerlicht, und nun überwältigen uns Hektik und Gewurle der Millionenstadt. Auf dem Platz Djemaa el Fna ist viel los, die Märchenerzähler, Schlangenbeschwörer und Verkäufer von Illusionen machen Umsatz. Im Suq ist alles wunderschön bunt – streckenweise kann er die Orientvorstellungen in den Köpfen überbieten. Derweilen hocken in den Cafés digitale Nomaden vor ihren Hightech-Geräten und schlürfen nicht Pfefferminztee, sondern Flat White.

Am letzten Tag der Reise beim Abendessen sortieren wir unsere Eindrücke. Manche der Erwartungen wurden erfüllt, manche übertroffen, andere haben wir als Illusionen enttarnt. Und während eine Bauchtänzerin ihre Schleier lüftet, versuchen wir ein Resümee. Marrakesch ist eine Bühne: Farben, Klänge, Fassaden – alles arrangiert. Rabat präsentiert sich als Schaufenster: kühl, distanziert und wohlgeordnet. Die Stadt denkt in Dossiers. Fes ist ein Archiv: dicht, verschlungen, vielstimmig. Es versteckt sich in Gassen, Gerüchen, Gelehrsamkeit und Geschichte. Casablanca bildet den Maschinenraum, das Getriebe: laut, dynamisch, fordernd – schwer zu lieben, aber unmöglich zu ignorieren. Und der Süden ist ein Echo – ein Echo der Vergangenheit.