Der Respekt des Händeschüttelns

Es häufen sich Berichte, wonach muslimische Macho-Männer sich weigern, einer Frau die Hand zu reichen.

Der Kommentar ist am 23. 12. 2015 in der Print-Ausgabe der Wiener Zeitung erschienen und abrufbar auf Genios.

In manchen islamischen Gebieten ist es nicht üblich, dass Personen unterschiedlichen Geschlechts einander berühren, und sei es auch nur an den Händen. In anderen Regionen wird nichtsdestotrotz öffentlich umarmt und geknutscht, besonders in Städten. Tatsächlich sind die Handschlagverweigerer eine Minderheit innerhalb der muslimischen Gemeinschaften, schon überhaupt in Europa.

Falsch ist allerdings die Behauptung, dass der Händedruck wegen einer angenommenen Unreinheit der Frau abgelehnt werde. Auch wenn es manche nicht hören wollen, auch wenn es manchen abstrus erscheinen wird: Das Gegenteil ist der Fall. Das zwischengeschlechtliche Nicht-Händeschütteln ist tatsächlich eine Geste des Respekts der Dame gegenüber. Durch die Berührung nämlich würde der Mann, aus seiner Sicht, öffentlich demonstrieren, dass er sie für verfügbar hält. Der Muslim, der im Grüßen auf die körperliche Fühlungnahme verzichtet, ist ein höflicher Mann, keineswegs einer, der gleich anbaggern will.

Es gibt kein koranisches Verbot zu dieser Gepflogenheit, es besteht innerhalb des Islam kein Konsens, weder über die Herkunft, noch über die Notwendigkeit des Vermeidens von Handreichungen. Im Übrigen gibt es unter orthodoxen Juden den gleichen Unwillen, mit Frauen bei der Begrüßung in Hautkontakt zu treten, und die Argumente, die angeführt werden, sind ähnlich.

Für den muslimischen Bereich wird diese Form der Etikette im Allgemeinen zurückgeführt auf einen Hadith (Überlieferung der Worte und Taten des Propheten Muhammad), der als authentisch gilt: „Es ist besser, dass einer von euch mit einem Eisenstachel in den Kopf gestochen wird, als dass er eine Frau berührt, die er nicht berühren darf” (Sahih Al-Jam’, Nr. 5045).

Aus den gleichen Gründen möchten manche muslimische Männer und Frauen nicht von andersgeschlechtlichen Ärzten behandelt werden. Aus den gleichen Gründen ist es, von Seiten eines Mannes, unhöflich, sich alleine mit einer Frau in einem Raum, Büro oder Lift aufzuhalten. Sie könnte sich erniedrigt und beschämt fühlen. Und wenn muslimische Väter zuweilen nicht mit den Lehrerinnen ihrer Kinder sprechen wollen, kann es auch deswegen sein, weil sie sie nicht kompromittieren wollen.

Im Iran ist das zwischengeschlechtliche Händeschütteln erst seit der Revolution 1979 landesweit unüblich, die Leute haben sich inzwischen daran gewöhnt. Westliche Touristinnen, die nichtsahnend einem Herrn die Rechte hinstrecken, stürzen den Armen in die ärgste Verlegenheit, er weiß nun nicht, was er tun soll: Eigentlich will er ja bloß höflich sein, aber wie immer er regiert, es wird nun eine Beleidigung: Reicht er ihr die Hand, erniedrigt er sie aus seiner Sicht, reicht er ihr die Hand nicht, erniedrigt er sie aus ihrer Sicht.

Die Welt ist also voller Fallen im transkulturellen Zusammenleben, doch mit Aufklärung und gutem Willen auf beiden Seiten müsste das Problem der Begrüßung lösbar sein. Es kommt immer auf die Intention an, auf muslimischer und auf nicht-muslimischer Seite. Wechselseitiger Respekt muss vorhanden sein, mit oder ohne Händeschütteln – und unabhängig davon, auf welchen kulturellen und religiösen Hintergrund sich jemand beruft.