Über Menschen. Eine Marginalie zur Sprachentwicklung

Wie das Betroffenheitsgetue bei Kriegen und Katastrophen den Bedeutungsinhalt eines unschuldigen Wortes strapaziert.

Der Kommentar erschien am 29. 11. 2016 in der Wiener Zeitung.

Niemandem mit halbwegs aufmerksamer Mediennutzung und halbwegs entwickeltem Sprachgefühl kann entgangen sein, dass in letzter Zeit das Wort Mensch gehäuft in Kontexten auftaucht, in denen es linguistisch betrachtet nichts zu suchen hat, weil es präzisere Begriffe gäbe. Beispiele, wahllos herausgegriffen: „Seit Langem warten die Menschen in Syrien auf eine Pause der Kämpfe.“ Oder: „Die Menschen des Dorfes konnten alle gerettet werden.“ Oder: Die Menschen müssen sich weiter gedulden, bis die Hilfskräfte zu ihnen durchkommen.“

Treffender wäre bei den genannten Sachverhalten etwa das Wort Bewohner. Dieser neuartige Eifer von Politikern, NGO-Vertretern und bestimmten, vor allem audiovisuellen Medien den Begriff Menschen zu bemühen, ist dann festzustellen, wenn von Notlagen zu berichten ist, in die größere Personengruppen oder auch Individuen unverschuldet geraten sind. In Radio- und Fernseh-Sendungen nimmt die Stimme der Korrespondenten vor Ort und auch die der Sprecher im Studio eine ganz besondere Tönung an, wenn es um Menschen und die schicksalhaften Entwicklungen und Ungerechtigkeiten geht, denen sie ausgesetzt sind, um Katastrophen, Kriege, Unfälle, Migration, Asyl, Klimawandel, Arbeitslosigkeit, Preiserhöhungen und Lohnkürzungen, Behinderungen und besondere Bedürfnisse.

Vor lauter vielen Menschen, die jetzt die Nachrichten bevölkern, ist man schon ganz wirr geworden und muss überlegen, wie der Begriff eigentlich zu definieren ist, und wann seine Verwendung im Satzbau sinnvoll wäre.

Hilfreich ist eine Betrachtung darüber, wann Menschen nicht zum Einsatz kommen. So stellt man fest, dass etwa Attentäter, Mörder, Terroristen, Verbrecher, Extremisten und alle anderen Bösewichte verbal nicht in die Oberkategorie Menschen aufgenommen werden, obwohl eigentlich niemand anzweifelt, dass sie dieser Spezies angehören. Auch wer über Politiker, Journalisten, Ärzte, Polizisten, Juristen und sonstige Berufsgruppen redet, redet nicht von Menschen, nicht einmal aus stilistischen Gründen, um das Vokabular anzureichern. Man muss schon von einem Unglück betroffen sein, um das Glück zu haben, in der Abteilung Mensch zu landen, jedenfalls im politischen und medialen Jargon der Zeit.

Hingegen erweist sich das Wort Mensch als unersetzlich bei Themen, die alle Erdenbewohner betreffen, etwa Menschheitsentwicklung oder Menschenrechte, auch in Abgrenzung zu Tieren oder Dingen – immer, wenn es um Homo sapiens generell geht, also nicht nur um Bewohner, Bürger, Konsumenten, Wähler, Angestellte, Passagiere, Kranke oder Katastrophenopfer. Beispiele: „Menschen machen Fehler.“, „Menschen sind egoistisch.“, „… die niederen Beweggründe des Menschen …“, „Der Mensch ist des Menschen Wolf.“ „Der Mensch ist das Maß aller Dinge.“ In diesen Sätzen wäre kein anderes Wort treffender.

Ein Teil dieser vielen Menschen, über die man nun stolpert, sind wohl ein Geschlechtergerechtigkeits-Kollateralschaden: Man will -innen-Endungen und Verdoppelungen vermeiden, die die Sprache beschweren, aber zugleich die weibliche Hälfte der Art nicht durch Ausschluss kränken. Bei Menschen fühlen sich alle gerne mitgemeint.

Es ist auffallend, dass diese sprachlich nicht wirklich passenden Menschen immer
dann auftauchen, wenn man Empathie ausdrücken oder vortäuschen will, oder wenn das Menschsein der genannten Personen besonders betont werden soll. Aber muss man wirklich explizit darauf verweisen, dass Blinde, Gelähmte, Gebrechliche, Geflüchtete, Illegalisierte und Katastrophenopfer neben ihren besonderen Bedürfnissen auch noch ganz gewöhnliche haben? Muss wirklich unterstrichen werden, dass man niemanden auf seine Opferrolle, seinen Asylstatus oder Gesundheitszustand reduzieren darf? Offensichtlich muss. Offensichtlich muss gegenwärtig in der Berichterstattung über in Not Geratene explizit auf ihr Menschsein verwiesen werden und damit implizit auch auf ihr Menschenrecht.

Wenn eine Gesellschaft schon so wenig Mitgefühl aufbringt – besonders für Geflüchtete, Asylsuchende und Illegalisierte – dann ist allerdings geboten, die Aufmerksamkeit darauf zu lenken und den dringenden Handlungsbedarf sichtbar zu machen. Es ist also die Beredsamkeit und Ausdruckskraft der schreibenden und redenden Zünfte gefordert, sich um genaue Begrifflichkeiten zu bemühen. Neben diesen linguistischen Begleitmaßnahmen wären dann – was die Rechte von Menschen auf ein menschenwürdiges Leben betrifft – auch noch anzudenken: Friedenslösungen statt Waffenlieferungen, Vorkehrungen gegen Klimaerwärmung und zur Zähmung entfesselter Märkte, ein bisschen Umverteilung von Wohlstand von oben nach unten, von Nord nach Süd, von den Zentren an die Peripherien. Dann würde weniger humanitäres Leid produziert und weniger Menschengeschwafel anfallen.